Mit dem Hoby 600 auf großer Tour

25. 05. 2006

Ganze drei Jahre hat es gedauert, bis wir uns wieder aufgemacht haben, den „kleinen Kontinent“ vor Italiens Küsten zu besuchen. Nach wie vor mit unserem treuen Hobby 600 Fiat der inzwischen auch schon 16 Jahre auf dem Buckel hat, dessen ungeachtet aber immer noch läuft wie ein Schweizer Uhrwerk und uns auf einschlägigen Caravan – Messen dazu nötigt, über die „moderne Konkurrenz“ – die sicher auch ihre Vorzüge hat – mit den Schaumstofftürchen und Plastikbeschlägchen milde zu lächeln und bei uns zu denken „was brauch ich anderes als das, was ich hab...“.

Zuwachs haben wir in Form meiner Cousine Brigitte bekommen, die – ausgerüstet mit einem hypermodernen „Wurfzelt“ tagsüber - Freud und Leid mit uns teilte, um sich dann des Nächtens in Ihre „Behausung“ zurückzuziehen.

eddie_s8.jpg Wir hatten uns vorgenommen, dort zu beginnen, wo wir beim letzten Mal – man erinnert sich – etwas abrupt aufgehört hatten. Also machten wir uns auf den schon bekannten Weg. Wie gewohnt steuerten wir zum ersten Stopp das Schweizer Örtchen Zillis an der Via Mala an.

Leider hatte das hochgelobte Restaurant Pro L´Ava eine geschlossene Gesellschaft, so dass wir die freundlichen Wirtsleute nicht besuchen konnten und mit dem Stellplatz vor dem Kirchlein mit den bemerkenswerten Deckengemälden Vorlieb nehmen mussten. Nach einem kräftigen Vesper – die Reste aus den heimischen Kühlschränken mussten ja verarbeitet werden – begaben wir uns zur Ruhe und schliefen hervorragend.

26./27. 05. 2006

Den fürchterlichen Platz in Marina di Massa, den wir bei unserer letzten Sardinien – Reise besucht hatten lassen wir dieses mal rechts liegen und besuchen lieber den bewährten Camping Aranella in Deiva Marina auf welchen wir schon mehrmals gestanden hatten. Dieser einfache, aber gemütliche Platz ist für uns schon öfter ein idealer Standort zur Erkundung der „Cinque Terre“ gewesen.

eddie_s9.jpg Und bei diesem „gewesen“ wird es auch bleiben. Die grandiosen 5 Dörflein sind inzwischen so sehr zur „Touri – Attraktion“ verkommen, dass es einem schon richtiggehend weh tut. Sämtliche Wandgemälde der „Via dell´amore“ sind durch Graffiti und blöde Sprüche völlig unkenntlich geworden. Jeder Hans und jede Grete glaubte, sich dort verewigen zu müssen. Eine Affenschande! Aber auch die früher urwüchsigen Dörflein haben sich zusehends in „Centri Commeciali“ verwandelt. Bald kein Hauseingang mehr, in dem nicht irgendwelche abscheuliche Andenken verkauft werden. Der Nepp lugt um jede Ecke und über den fantastischen Wanderweg – welcher inzwischen „Eintritt“ kostet, Kassenhäuschen am Anfang und Ende und in jedem Dorf eine Kontrollstation – schiebt sich eine Karawane von größtenteils englischsprechenden unpassender Weise Stöckelbeschuhten Bustouristen. Uns geht es mit den Cinque Terre wie mit einem lieben Verstorbenen: Wir wollen sie nicht mehr sehen, sondern sie so im Gedächtnis behalten wie wir sie gekannt haben.... 

Schade um dieses Kleinod, das uns in der Vergangenheit so viel Freude und schöne Momente geschenkt hat. Aber der Mensch schafft es halt immer wieder, natürliche Schönheit zu zerstören.

Eine kleine technische „Unpässlichkeit“ sollte noch kurz erwähnt werden, denn sie hatte – wir werden später davon hören – ungeahnte Folgen: Nachdem wir beim letzten Sardinien – Aufenthalt mit dem Motorroller unliebsame Erfahrungen machen mussten – nein, der Roller konnte nichts dafür – hatten wir uns diesmal für die Fahrräder entschieden. Mit diesen hatten wir uns vom Campingplatz auf den Weg zum Bahnhof gemacht. Nicht ohne unterwegs noch mal an Ruth´s Drahtesel die Luft auf den Reifen nachzufüllen. Allerdings hatten wir nicht bedacht, dass unsere Gefährte einen ganzen, langen Tag vor dem Bahnhof in der prallen Sonne stehen werden. Und so waren wir natürlich unangenehm berührt, als bei unserer Rückkunft der hintere Reifen geplatzt war. Schlauch und Mantel total zerrissen. Also das Rad zum Platz geschoben, auf´s Auto geschnallt und die Reparatur bis Sardinien verschoben.

Zum Abendessen gab´s – natürlich – die wagenradgroßen, hauchdünnen Pizzen, für die der Aranella – Camping fast schon berühmt ist. Spottbilligen, aber sehr guten Vino dell´Casa und – wie schon vor Jahren – den Espresso zu 80 Cent.

28. 05. 2006

Heute nehmen wir die wenigen Kilometer bis Livorno unter die Räder. Unser guter alter Fiat schnurrt über die Autostrada wie eine Katze. Ich habe immer wieder das Gefühl, der alte Bauerndiesel fühlt sich in seinem Heimatland besonders wohl.

Gegen Mittag ist der Fährhafen erreicht – wie immer viel zu früh – und wir sehen uns wieder in der Situation, die Zeit totschlagen zu müssen. Lesen, Rollentext lernen (nicht zu viel) und Patience – legen lassen die Zeit vergehen.

Beim Einchecken eine große Überraschung: Residierte die Lloydsardegna oder Linea di Golfi beim letzten Mal noch in einem üblen Bretterverschlag, den man über eine außenliegende Blechtreppe mühsam erreichte, ist sie jetzt in ein sehr schön renoviertes Gebäude am Rande des Hafens umgesiedelt. Sehr repräsentativ, technisch hervorragend ausgestattet und überaus freundlich.

Auf der „Golfi delle Angeli“ stehen wir diesmal unter freiem Himmel und die Überfahrt gestaltet sich bei ruhiger See äußerst angenehm. Natürlich kann Brigitte auf der Fähre ihr „High – Tec – Zelt“ nicht aufstellen, also wird sie auf unser vorderes Dinett-Bett verfrachtet und Ruth und ich teilen uns das Heckbett. Wenn man „Kopf-an-Fuß“ liegt, geht das wunderbar. Als wir wieder aufwachen, ist schon lange der

29. 05. 2006

eddie_s10.jpg angebrochen und das erste was wir sehen ist der Golf von Olbia. Pünktlicher als die deutsche Bahn bewältigte Lloydsardegna einmal mehr die Überfahrt und wir haben so gut wie nichts davon mitgekriegt. Wir halten das „Camping an Deck“ in Verbindung mit der Nachtpassage für die angenehmste, sinnvollste und auch preiswerteste Methode um nach Sardinien zu kommen.

Ganz ohne Kühlwasserverluste oder sonstige Unbilden rollten wir – wieder einmal beeindruckt wie schnell so eine Fähre leer sein kann – gegen kurz nach 7.oo über die Rampe und – nach drei Jahren endlich wieder – auf sardischen Boden.

Ohne Umwege über irgendwelche Werkstätten steuern wir also direkt dem schon bekannten Auchan – Einkaufszentrum zu, um nach einem kräftigen Frühstück unsre Vorräte zu ergänzen.

Nachdem Küche und Keller gefüllt waren, ging´s – unserem Vorsatz gemäß – nach Santa Maria Navarese zu Camping Mare Blu wo wir ja unsere letzte Reise beendet hatten.{mospagebreak}

30. 05. 2006 – 01. 06. 2006

Auf dem von einer Cooperative geführten Mare Blu ist alles noch so, wie es war. Pietro ist noch da und erkundigt sich sofort nach meinem Bein – ob auch alles gut verheilt ist und so weiter -, alle anderen auch. Man steht immer noch schattig unter Pinien direkt am Strand, das Ganze macht nach wie vor einen leicht provisorischen Eindruck, aber alles funktioniert und es gibt inzwischen sogar einen „deutschsprachigen Brötchenservice“, eine nette Badenserin, die morgens für den ganzen Platz Brötchen holt und sich auch sonst z.B. als Dolmetscherin und Auskunftsperson nützlich macht.

Wir gönnen uns erst mal eine „faulen Tag“, dösen unter den Bäumen, stürzen uns in´s Meer, welches immer noch genauso einladend ist wie vor drei Jahren und genießen nach unserem verregneten deutschen Frühjahr die Sonne und die Wärme Sardiniens. Was allerdings neu für uns ist, ist die Erfahrung mit den sardischen Winden, derer es wohl fünf verschiedene geben soll. Wir erleben momentan den Mistral. Einen kalt – aber was heißt das schon bei ca. 30 ° - und ziemlich scharf blasenden Nordwind. Erfreulich daran ist, dass er die Nachttemperaturen auf Werte drückt, die einen hervorragend schlafen lassen.

Über unseren geplatzten Fahrradreifen habe ich ja schon berichtet und bemerkt, dass der Vorfall Folgen hatte. Von diesen soll nun die Rede sein. Und sie haben einen Namen: Signore Iogosto.

Von diesem Herrn, wurde uns gesagt, würde alles was irgendwie kaputt sei reparieren. Er wohne auch „..sempre dritto, primo casa dall´angelo…” was auch stimmte. Sowohl die Wegbeschreibung – auf Sardinien nicht immer der Fall, wovon wir auch noch hören werden – als auch die Beschreibung seiner handwerklichen Fähigkeiten. Einige andere Charakterzüge dieses bemerkenswerten Menschen hatte man uns allerdings gemeint nicht mitteilen zu müssen...

Wir fanden also, mit unserem maroden Rad im Schlepptau, problemlos die Behausung Sgn. Iogostos, wo wir von zwei riesigen Hunden, einem deutschen Schäferhund und einem nicht näher bezeichneten anderen „Pastore“ mit heftigem, aber nicht unfreundlichem Gebell empfangen wurden. Weniger freundlich fiel die Begrüßung einer älteren, sehr blonden Dame aus, welche uns nach unserem Begehr fragte. Nachdem wir ihr unser Missgeschick erklärt hatten wies sie uns – herzlich knapp – den Weg zur „Werkstatt“, welche sich als Garage mit vorgelagertem Hofraum erwies in und auf welchem sich eine abenteuerliche Ansammlung von mehr oder weniger gebrauchsfähigen technischen Geräten und Gegenständen jedweder Provenienz befanden. Rasenmäher, Fernseher, Pumpen, Nähmaschinen, Radios, landwirtschaftliche Geräte, Waschmaschinen, Mopeds und – tatsächlich – auch Fahrräder. Und dann erschien ER. Signore Iogosto höchstselbst, von uns in Zukunft nur noch „Stregone“ genannt, was auch seinen Grund hat. Aber dazu später mehr. Ein verschmitzter, freundlicher, herzlicher Rentner, der – so wurde uns bald klar – jede Tätigkeit freudig nutzt, um seiner, sagen wir mal etwas herben, Ehegattin zu entkommen.

Fachmännisch betrachtete er Ruths Fahrrad um sofort festzustellen, dass es mit einer 5-Gang Nabenschaltung – die er noch nie in Natura gesehen hat – ausgestattet ist und – welch Wunder der Technik – über eine Rücktrittbremse verfügt. Der platte Reifen allerdings mache ihm Kopfzerbrechen, denn er gehöre einer Dimension an, welche er nicht vorrätig habe. Es dürfe also nicht „urgente“ sein, will sagen Gut Ding braucht Weile. Wir versicherten ihm, es sei keineswegs „urgente“, wir seien noch zwei Tage am Ort. Was ihn sofort über alle Backen strahlen lies und das Angebot zur Folge hatte, er würde noch am selben Nachmittag nach Tortoli fahren und einen passenden Schlauch samt Mantel besorgen, um ihn dann unverzüglich zu montieren und wir könnten das Fahrrad voll funktionsfähig am nächsten Tag wieder abholen aber jetzt müssten wir erst mal einen „Grappino“ trinken......Es blieb nicht bei dem einen. Mehrere Mirto leisteten ihm fröhliche Gesellschaft. Und Signore „Stregone“ Iogosto war plötzlich verschwunden. Um kurz darauf mit Plastiktüten voll Aprikosen – in meinem ganzen nun auch schon weit über fünfzig Jahre dauernden Leben habe ich noch nie solch aromatische, saftige und süße Aprikosen gegessen – Pfirsichen, Orangen und Zitronen wieder aufzutauchen, welche er uns mitzunehmen nötigte. Mühsam nahmen wir Abschied, im Hinterkopf schon den Umstand, am nächsten Tag einer ähnlichen Prozedur unterzogen zu werden. Und so war es denn auch. Als wir wieder bei unsrem Stregone ankamen, um das reparierte Fahrrad abzuholen, erwartete uns dieses schon, repariert und strahlender sauber als an dem Tag an dem wir es gekauft hatten im Hof von Sgn. Iogostos „Werkstatt“. Er hatte also nicht nur den Reifen gewechselt, sondern auch das gesamte Gefährt einer minutiösen Grundreinigung inclusive Ölen und Schmieren unterzogen. Mir fiel auf, dass das geplatzte Hinterrad mit einem Reifen der Marke „Schwalbe“ – welches die Originalbereifung war – bestückt war und wollte den famosen Reparateur für seine Umsicht und Findigkeit loben. Er jedoch zeigte auf das Vorderrad, auf welchem sich ein  mir unbekanntes italienisches Reifenfabrikat fand. Des Rätsels Lösung: Es ließ sich kein Mantel in der passenden Größe auftreiben. Also wechselte „Stregone“ den – seiner Ansicht nach – stabileren Vorderreifen nach hinten und montierte den weniger belastbaren auf das Vorderrad. Im Geiste sah ich mehrere Registrierkassen heißlaufen: Fahrt nach Tortoli, Schlauch, Mantel, Arbeitszeit, Kilometergeld, Putzmittel, Kettenfett, Öl, wie in deutschen Werkstätten üblich nicht näher zu definierende „Kleinteile“ und so weiter.... Mit leicht mulmigem Magen fragte ich also den Magier unter den Fahrradmonteuren nach dem Preis seiner Arbeit. Und ich muss gestehen: Seine Antwort machte mich wahrhaft sprachlos: „Eh, quindichi Euro, ma prima bere un´Grappino...“ 15 Euro. Dafür krieg ich zu Hause, wenn ich Glück habe, einen Schlauch und einen viertel Mantel. Und hier...von den Grappinos und den Mirtos und den Aprikosen und und und wollen wir ja gar nicht sprechen. Also überreichte ich Sgn. Iogosto einen 20 Euro – Schein und hatte größte Mühe ihm das Herausgeben des Wechselgeldes auszureden. So sind sie halt, die Sarden....

Warum nun dieser außergewöhnliche Mensch von uns den Namen „Stregone“ – also Hexer, Magier, Zauberer oder auch Medizinmann erhalten hat ist bis Dato jedoch immer noch nicht geklärt. Na, dann: Es begab sich zu jener Zeit, dass drei deutsche Camper und ein sardischer Rentner auf einer schattigen Terrasse hinter einer Werkstätte zusammensaßen und freudig hochprozentigen, hausgemachten sardischen Getränken zusprachen. Und wie es bei solchen Gelegenheiten denn des Öfteren vorkommt, gab ein Wort das andere, man war wohl der jeweils anderen Sprache nur bedingt mächtig, aber was macht das schon, wenn die Sonne scheint, der Grappa schmeckt, das Obst von den Bäumen rundum mundet. Da wird dann mit Händen und Füßen dialogisiert und irgendwann .... erzählt einer einen Witz. In unserem Fall Sgn. Iogosto. Auf italienisch. Auslöser war dass ich unsere herzensgute Brigitte liebevoll als „Strega“, also Hexe, titulierte. Und das veranlasste unseren Gastgeber uns die Geschichte des „Grande capo“ – großen Häuptling – der Indianer und  des „Stregone“ – des Medizinmanns – zu erzählen:

Dieser Häuptling litt seit Tagen und Wochen an ziemlich quälenden Verdauungsproblemen. Also schickte er einen seiner Indianer zum Medizinmann, um der Sache Abhilfe zu verschaffen. „Stregone, Stregone. Grande Capo, no n´e Cacca”, war die – wohl allen verständliche Rede des Indianers. Worauf der Medizinmann einige Kräutlein, Säftlein und Tränklein unter bedrohlichem Murmeln von Beschwörungsformeln zusammenmischte, diese in ein kleines Gläschen füllte – nicht unähnlich den Gläschen aus welchen wir gerade mal wieder unseren Mirto tranken – und den Indianer zu seinem Häuptling schickte, er solle dies trinken und dann würde schon alles gut werden. Dem jedoch war keineswegs so, und zwei Tage später stand der Indianer eben wieder vor dem Medizinmann um seinen Spruch „Stregone, Stregone. Grande Capo, no n´e Cacca” loszuwerden. Es wiederholte sich alles wie gehabt, nur dass aus den Kräutlein Kräuter, aus den Säftlein Säfte und aus den Tränklein Tränke würden. Auch das Gläslein war keines mehr, sondern eine Flasche – und irgendwie korrespondierte die ganze Angelegenheit wieder mit unserem Mirto, denn diese Flasche wurde zusehends leerer. Mit der Maßgabe, seinen Capo die Flasche – über mehrere Tage verteilt – austrinken zu lassen wurde der Indianer also wieder entlassen. Ob dieser tapfere Krieger nun die Dosierungsanleitung nicht mit übermittelt hat, oder ob dem großen Häuptling die Sache einfach zu blöd war und er aus eigenem Antrieb die ganze Flasche auf einmal austrank ist dem Chronisten nicht bekannt. Bekannt ist nur, dass am nächsten Tag ein verstörter Indianer beim Medizinmann erschien und traurig berichtete: „Stregone, Stregone. Grande Cacca, no n ´e Capo…”

Ausgestattet mit den üblichen Plastiktüten voll mit den Früchten des Landes – siehe Oben plus einer größeren Anzahl von Fleischtomaten – wankten wir, uns an unseren Fahrrädern festhaltend, zurück zu unserem Rolling Home. Der Rest des Tages fiel der Verarbeitung der eingenommen Alkoholika zum Opfer – soll heißen, außer dösen nichts gewösen…

Die Geschichte von unserem Stregone allerdings fand an diesem Tag noch eine Fortsetzung: Wir hatten gerade unser Abendmahl im Wohnmobil beendet, da klopfte es an der Tür. Etwas irritiert – wer konnte uns hier schon besuchen – wurde die Tür geöffnet. Vor dieser stand – der geneigte  Leser ahnt es wohl bereits – Sgn. Iogosto in Lebensgröße, in der Hand eine Tüte mit zwanzig Eiern, frisch gelegt von seinen eigenen Hühner.

Unnötig zu erwähnen, dass es noch ein feucht-fröhlicher Abend wurde, in dessen Verlauf wir auch noch einen „Volkshochschulkurs“ im Gebrauch des sardischen Brotes „carta di musica“ oder pane carasau bekamen: Man zerschneide und zerquetsche eine reife Tomate und verteile den Saft und das Fruchtfleisch auf der Brotscheibe, streue etwas Salz und Basilikum darauf, wenn vorhanden auch noch etwas klein geschnittenen Knoblauch und Zwiebeln, beträufle das Ganze mit Olivenöl, klappe es zusammen und spüle es mit sardischem Wein hinunter. Äußerst einfach, aber auch äußerst delikat.

Dass wir in der folgenden Nacht gut geschlafen haben – Brigitte trotz des kräftigen Windes in ihrem Wurfzelt – bedarf eigentlich keiner besonderen Erwähnung.

Am nächsten Tag wiederholten wir unserer Begleitung zu liebe den Bootsausflug entlang der Steilküste, allerdings – auf Grund eines herannahenden Gewitters - etwas eingeschränkt. Der Käpt´n zog es vor nach der Cala Sinise den sicheren Heimathafen anzusteuern. Pech für Brigitte – wir hatten ja schon alles drei Jahre zuvor genossen.

Tags darauf kamen dann die – teilweise frisch reparierten – Fahrräder zum Einsatz.

eddie_s11.jpg Eine der Attraktionen Sardiniens soll ja wohl der „trenino verde“, der „Grüne Zug“ quer durch´s Land von Arbatax nach Cagliari sein. Also hatten „die Damen“ beschlossen, mit diesem „Zügle“ zu fahren. Ich hatte mehrmals eingewendet, dass dieses Verkehrsmittel nur zur Hochsaison verkehre, konnte jedoch niemanden davon überzeugen. Also setzten wir uns auf die Drahtesel und strampelten die schätzungsweise zwanzig Kilometer nach Arbatax, um den hoch begehrten Zug zu besteigen. Das erste Problem dabei war, dass wir natürlich keine Ahnung hatten, wo denn wohl der Bahnhof sein könnte. Also, einfach durchfragen. Mir war noch so etwas im Gedächtnis, dass in irgendeinem Reiseführer davon abgeraten worden war, einen Sarden nach dem Weg zu fragen, da es ihm seine Höflichkeit verböte, KEINE Auskunft zu geben, auch wenn er nicht die geringste Ahnung hätte. Er würde eben irgendeine plausibel klingende Wegbeschreibung erfinden, nur um der Form genüge zu tun. Natürlich habe ich das nicht geglaubt und die ganze Angelegenheit in´s Reich der Fabel verwiesen. eddie_s12.jpgeddie_s13.jpgDas sollte sich jetzt rächen. Der Reiseführer – Autor hatte vollkommen recht. Die Einwohner von Arbatax haben mir nachdrücklich bestätigt, dass seine Warnung durchaus ernst zu nehmen gewesen wäre. Alle zusammen wohl keine Zugfahrer, kannten sie die Lage des Bahnhofes so wenig wie wir, schickten uns aber mit unseren Rädern (sempre dritto/primo a sinsitra/secondo a destra/no no altre direzione/ehh molto complicato) kreuz und quer durch den Ort. Also lernten wir ganz Arbatax und einige seiner Bewohner – inclusive solcher die „beim Daimler en Sendlfenga ´gschafft hent“ und sich dort bestens ausgekannt haben – kennen. Den Bahnhof fanden wir dann eher per Zufall. Er war – natürlich – nicht nur geschlossen, sondern im wahren Wortsinn mit Brettern vernagelt. Der Zug verkehrte erst ab August und wir waren ziemlich gefrustet. Unverrichteter Dinge kehrten wir zum Campingplatz zurück. Dort erwartete uns die nächste Attraktion. Schon auf dem Weg dorthin fielen uns kräftige Rauchwolken auf. Direkt hinter dem Platz hatte sich wohl ein Bauer einer alten sardischen Tradition – der Brandrodung – erinnert und eine kleinen Heckenhag in Brand gesetzt. Allerdings hatte er den immer noch kräftig wehenden Wind nicht mit einkalkuliert und sein Feuerchen weitete sich zu einem veritablen Brand aus. Was uns die Chance verschaffte, die sardische Feuerwehr inklusive Löschhubschrauber in Aktion zu erleben.

Zum Glück blieb der Vorfall – außer für den „Brandstifter“ natürlich – ohne Folgen, die Vorsichtsmaßnahme unserer Platznachbarn, nämlich ihre Motorräder in Sicherheit zu bringen, erwies sich Gott sei Dank als überflüssig.

Nachdem alles was wir nicht mehr unbedingt benötigten eingepackt, verstaut und verzurrt war, gönnten wir uns noch einen gemütlichen, ruhigen Abend, denn am nächsten Tag sollte es weitergehen.{mospagebreak}

02. 06. 2006

Noch einmal den „badischen Brötchenservice“ genutzt, Abwasser geleert und Frischwasser aufgefüllt und dann ab in Großrichtung Cagliari, um den Teil der Insel zu erkunden, der uns bis Dato noch unbekannt war.

Wir rollen durch fruchtbares Bauernland, die etwas dezimierten Bordvorräte werden an den „Hofläden“, meist kleine Transporter oder einfache Tischchen mit einem Sonnenschirm darüber, preisgünstigst und in hervorragender Qualität aufgefüllt. Über Villa Putzu, Muravera und Villasimius tuckert unser Ducato wieder einmal durch eine amerikanisch anmutende Landschaft. Passend dazu tönt Country – Music aus dem CD – Player. Allerdings nicht all zu lange. Irgendwann verstummt die Unterhaltungselektronik, was uns zu der – sich später bestätigenden - Annahme führt, dass irgendetwas mit unserer 12 Volt Versorgung wohl nicht stimmt. Weis Gott wo sich der Kupferwurm zwischen Batterien, Ladegerät, Platinen, Sicherungen und Transistoren versteckt hat – wir konnten ihn nicht finden. Erst zu Hause stieß unsere Werkstatt auf eine erkleckliche Anzahl von durchgebrannten Sicherungen und weiteren elektrischen Kleinteilen, welche den Dienst versagten. Für uns hieß es im Moment allerdings schweren Herzens vom „freien Campen“ Abschied zu nehmen und ab sofort nur noch auf mit 220 Volt ausgestatteten Plätzen zu übernachten – soweit vorhanden…. Und natürlich begegneten uns ab sofort die traumhaftesten, einsamen Buchten die man sich in seinen kühnsten Camper-Träumen ausmalt….

Gut, dass wir zumindest am Torre della Stelle einen Stellplatz mit Strom fanden.

Recht angenehm mit dem Nötigsten (kaltes Bier etc.) versorgt an einem Wahnsinns-Strand gelegen vergaßen wir unsere Stromprobleme – bis dann die Sicherung der Platzsteckdose ihrer Bestimmung nachkam, auslöste und nicht nur unser Mobil, sondern auch noch alle anderen in der Reihe in Dunkel hüllte. Wir gaben uns alle Mühe, uns und unsere Nachbarn davon zu überzeugen, dass dies keineswegs an uns, sondern an der schlampigen, italienisch-sardischen Installation liege – man kennt ja das gestörte Verhältnis der Italiener zum elektrischen Strom!             

Noch einen kleinen Spaziergang durch die allgegenwärtige sardische Maccia, die alles beherbergt was stachelt und sticht, kratzt und hakt. Aber mit fantastischen Ausblicken auf ein Meer, welches wieder in allen Schattierungen von blau leuchtet, schimmert und glitzert. Farben, die man sich nicht vorstellen kann, die man einfach gesehen haben muss.

03. 06. 2006

eddie_s14.jpg Heute geht´s weiter, immer noch Richtung Cagliari. Wir wollen endlich die Hauptstadt unserer Urlaubsinsel besuchen und uns davon überzeugen lassen, dass es auch auf Sardinien Städte gibt, die einen Besuch wert sind. Relativ flott kommen wir auf dem „Berlusconi-Highway“ voran. So flott, dass wir glatt die richtige Abfahrt versäumen. Aber nach längerem suchen und mehrmaligem umdrehen – wir sind es ja gewohnt – finden wir doch noch den rechten Weg in die Stadt und einen angenehm schattigen Parkplatz beim Stadion, der auch nicht zu weit vom Zentrum entfernt ist, so dass wir bequem zu Fuß das Centro storico erreichen.

eddie_s15.jpg Und tatsächlich: Cagliari lohnt. Eine quirlige, lebendige, moderne Stadt. Aber mit Atmosphäre. Sehr schöne alte Bauwerke, beeindruckende Kirchen und ruhige schattige Parks. Sehr sensibel restauriert ist die zentral gelegene alte Burganlage, die ein grandioses Theater und eine sehr ansprechende, gehobene Gastronomie beherbergt und einen tollen Blick über die Altstadt und den Hafen bietet. Und, ach ja, das Wappentier, den Elefant, haben wir auch gefunden. Nach längerem suchen. Über unseren Köpfen. Wie so viele Sehenswürdigkeiten (Fontana Trevi, Männekenn Pis, Meerjungfrau, Bremer Stadtmusikanten) ist auch er viel viel kleiner als gedacht.

 eddie_s16.jpgNicht vergessen zu erwähnen sollte man auch den riesigen Cimietro, den Friedhof. Eigentlich eine Stadt in der Stadt. Mit – sowohl – Mausoleen in einer Größe wie sich mancher zu Lebzeiten seine Wohnstatt wünschen würde, - als auch – traurig verfallenen, einfachsten Grabstellen.

Nach einem ausgiebigen Stadtbummel und einem Mittagessen „aus der Hand“ – äußerst leckere, schmackhafte Panini, im gehen auf der Straße verzehrt, machten wir uns wieder auf die „Gummi-Socken“ um noch vor Einbruch der Dunkelheit einen Standplatz für die Nacht zu finden. Nun, wir fanden einen. Nach längerer Fahrt zurück in die eddie_s17.jpgRichtung aus der wir gekommen waren. Den Camping Pini e Mare vor dem wir alle Interessenten nur warnen können. Man trifft hier den Charme eines Heerlagers gemischt mit maghrebinischem Geschäftssinn. Eine tödliche Mischung für gute Urlaubsstimmung. Dass der Platz an einer viel befahrenen Straße liegt – na ja, das weiß man bevor man eincheckt. Dass die Sanitäranlagen weißrussischen Bedürfnissen eventuell knapp gerecht werden ist schon weniger angenehm. Aber wenn man im Platzrestaurant so dermaßen über ´s Ohr gehauen wird wie uns das geschehen ist, dann nehmen wir das sehr persönlich. Man könnte ja nun – zu Recht – einwenden, wir wären selbst schuld, wenn wir bestellen, ohne uns die Preise auf der Karte vorher anzusehen. Aber: Zum Einen hatten wir keine Wahl, da es weit und breit nichts anderes gab (die Wirtsleute wussten das wohl auch), zum Anderen – und das zur Ehrenrettung aller rechtschaffenen Sarden, welche unserer Erfahrung nach weit in der Überzahl sind – hatten wir bisher noch nie das Gefühl gehabt uns vorsorglich vor Nepp schützen zu müssen. Aber man lernt nie aus und Schwarze Schafe gibt´s wohl wirklich überall.{mospagebreak}

04. 06. 2006

Nix wie weg hier. Nur das Nötigste in den schon etwas merkwürdigen Sanitäranlagen erledigt, schnell einen Kaffee hinuntergeschüttet, alle Kabel abgeklemmt und den Schlüssel gedreht. Nein, solche Plätze müssen wir nicht haben. Aber wie schon gesagt: Diese „Qualität“  zählt auf Sardinien zu den ganz großen Ausnahmen. Klar, mancher Platz ist ein wenig improvisiert, nicht überall findet man supermoderne Anlagen, aber fast immer sind die Einrichtungen gepflegt und sauber und – vor allem – die Menschen gastfreundlich, aufmerksam und hilfsbereit. Eigenschaften die man bei uns in Deutschland eher suchen muss.

eddie_s18.jpg Am Nova Capo di Pula begegnen uns die ersten leibhaftigen Flamingos. Man kennt diese Vögel ja aus Zoos und vom Fernsehen. Aber in freier Wildbahn sind uns bisher noch keine untergekommen. Es ist schon ein toller Anblick, wie diese eleganten, rosa Vögel in den salzigen Lagunen stehen oder über den azurblauen Himmel flattern. Wieder einmal stellen wir fest, dass Tiere und Pflanzen in ihrer natürlichen Umgebung doch noch am schönsten sind. Und wenn das Ganze dann auch noch vor einer solchen Landschaftskulisse wie hier statt findet, ist es einfach grandios.

eddie_s19.jpg Ewas weiter, am Torre di Chia treffen wir auf einen Strand von wahrhaft immensen Dimensionen. Eieruhr-feiner weißer Sand soweit das Auge reicht – und wieder einmal fast keine Menschen. Wenn man da an die Ufer der Adria denkt, ist man sich ganz sicher, dass der Preis für die Überfahrt auf diese Insel nicht zu hoch ist. Paradiesisch!

Weiter geht´s über Teulada und Ghiba auf einer Küstenstrasse, welche den Namen wirklich verdient. Staus gibt es hier höchstens, weil ständig neue, atemberaubende Ausblicke auf Meer, Küstenlinie und kleine Inselchen die – meist im Wohnmobil reisenden – Touri´s zum anhalten an den unmöglichsten Stellen verleiten. Uns ging es nicht anders. Wer interessiert sich schon für Verkehrsregeln oder Sicherheitsstandards wenn es solche Naturwunder zu sehen gibt…

05. 06. 2006

eddie_s20.jpg Weg von der Küste und hinein in´s Land heißt heute die Devise. Natürlich sind die Küstenregionen das Highlight auf Sardinien, keine Frage. Das bedeutet jedoch nicht, dass das Innere der Insel nichts zu bieten hätte. Ganz im Gegenteil: Wild – romantische Bergregionen, riesige Weideflächen, schroffe Berghänge, Tropfsteinhöhlen und – ja tatsächlich – sehens- und liebenswerte Städtchen. Wie zum Beispiel die alte Bergbaustadt Iglesias, die unsere Herzen im Sturm eroberte. Nicht  nur wegen des von uns allen zum Jahressieger gekürten Cappuccino, sondern auch auf Grund der Atmosphäre dieses Städtchens.

eddie_s21.jpg Man soll ja immer flexibel und lernfähig bleiben, so sagt man. Also tun wir´s und revidieren unseren Eindruck der letzten Sardinien – Expedition: Es gibt schöne Dörfer und Städte auf Sardinien. Man muss sich nur die kleine Mühe machen, sie zu suchen und bereit sein, ihren Charme zu erkennen, dann wird man bestimmt reich belohnt.

Von Iglesias aus brummeln wir mit unserem Hobby weiter zum Tempio di Antas, einem Überbleibsel der Römerherrschaft, sehr schön gepflegt in einer sauberen Parkanlage. Mit einem stabilen Zaun drum herum und dem unvermeidlichen Kassenhäuschen. Da wir jedoch in unserem nun auch schon etwas längeren Leben schon viele „alte Steine“ gesehen haben, die Urlaubskasse auch nicht unerschöpflich ist und ganz in der Nähe noch eine weitere Attraktion auf uns wartet, belassen wir´s bei einem Blick aus der Entfernung und fahren weiter zur Grotta su Mannao.

An dieser Stelle ein kleiner persönlicher Einschub: Brigitte, ehrlich, es war nicht Ernst gemeint, dass die „Grotte des Ungeheuers“ wohl DEINE Wohnung sei. War ein Spass, bestimmt. Empfangen wurden wir nicht gerade von Ungeheuern, jedoch von einer anderen tierischen Spezies, welche auf Sardinien an allen Ecken und Enden anzutreffen ist.

eddie_s22.jpg Direkt aus der Rubrik „Tiere sehen ich an“ stand da die wohl größte Ziegenherde, die uns je vor´s Objektiv gelaufen war.

Die Höhle selbst überraschte uns „schwäbische Älbler“ die wir ja an Höhlen gewohnt sind, mit ihren Ausmaßen und den kolossalen Tropfsteingebilden, aber auch mit der Art und Weise wie das Ganze höchst professionell mit Metallstegen gangbar gemacht wurde und mit der kenntnisreichen, informativen Führung, die uns zuteil wurde.

Hätten wir gewusst, was uns an diesem langen Tag noch alles erwartete, wir wären wohl nicht ganz so fröhlich in unsren Ducato gestiegen. Man erinnert sich, dass wir – auf Grund mangelnder 12 Volt Versorgung - auf Campingplätze angewiesen waren? Ja? Nun, wir erinnerten uns auch daran. Schmerzhaft. Denn was das Hochland Sardiniens auch zu bieten haben mag: Campingplätze, besonders solche mit Strom, gehören nicht dazu. Na ja, nicht so schlimm, sagten wir uns. Die Insel ist ja recht schmal und wenn man in der Mitte ist, ist die Entfernung zur jeweiligen Küste nur halb so groß. Stimmt – aber nur zum Teil. Man sollte ständig mit auf der Rechnung haben, dass man eigentlich im Hochgebirge weilt und die Direttissima in aller Regel durch mehrere Berge verstellt ist. Soll heißen: Dreißig Kilometer Luftlinie werden gerne zu hundert Straßenkilometern. Und was für welchen! Steil hoch, steil ´runter, Serpentinen, Spitzkehren, Schlaglöcher, ungesicherte Böschungen und landwirtschaftlicher Nutzverkehr – nicht immer mit Traktoren, es dürfen schon auch mal Esel sein. Das alles kostet Zeit. Und Nerven. Und Sprit. Und all diese Dinge wurden uns langsam knapp. Die Uhr tickte, die Sonne neigte sich dem Horizont zu, das Nervenkostüm bekam Risse und Löcher und die Nadel der Tankuhr rührte sich kaum mehr – wahrscheinlich war sie schon am unteren Anschlag angekommen. Mir war nur nicht ganz klar, wie lange schon…. Und Tankstellen sind in der Region in der wir uns gerade befanden so dicht angesiedelt wie Eisdielen am Nordpol. Unser viel durchblätterter Reiseführer hielt jedoch auch für diese Situation einen Tipp bereit: Einen Campingplatz bei Buggeru in erreichbarer Entfernung, der als etwas rustikal aber gemütlich bezeichnet wurde. Also, nichts wie hin. Wir können die Einschatzung der Platztester von „anders Reisen“ teilweise bestätigen: Rustikal war´s. So rustikal, dass wir trotz aller Unbilden denen wir ausgesetzt waren, lieber eddie_s23.jpgdas Risiko auf uns nahmen, am Straßenrand stehen zu bleiben, als diesen Platz zu beehren. Also vorbei am Capo Pecora mit einem traumhaften Stellplatz – natürlich ohne Strom – und noch ein Ritt durch´s Gebirge mit allem was dazu gehört, ständig verwundert, wie viel Diesel doch in einem leeren Tank noch vorhanden sein kann. Das Chaos war perfekt, die Stimmung trotz eines herrlichen Sonnenunterganges auf dem Gefrierpunkt. Zu allen bekannten Imponderabilien kam nun, wie nicht anders zu erwarten, noch ein zweites, merkwürdiges Gefühl im Magen dazu: es war uns nicht mehr nur flau, wir hatten auch einen Bärenhunger. Über Arbus und Guspini – man glaubt es kaum, aber unser Fiat lief immer noch – erreichten wir dann irgendwann zum Ersten den Punkt an dem wir endgültig die Schnauze voll hatten und zum Zweiten den Agritourismo „Tenuta Rossi“. Gelegen an einer ruhigen Seitenstraße lockte uns ein liebevoll restauriertes Anwesen mit gepflegtem Garten, romantisch beleuchteten Wegen – ja, es war schon ziemlich dunkel – und einem zwar etwas staubigen aber ruhigen Parkplatz. Ob es da Strom gab, war uns inzwischen herzlich egal. Erst die Primärbedürfnisse! Also: Essen, trinken, schlafen. Und wir haben gegessen. Alles was die Küche hergab und das war nicht wenig. Herrliche Antipasti Casa, Salami, Salumi, Peccorino, eingelegte Paprika, Arischocken und Pilze, frisches, hausgebackenes Brot, riesige Schüsseln frischer, knackiger Salat, das unvermeidliche Porceddu mit schmackhaften Rosmarinkartoffeln und allen erdenklichen mediterranen Gemüsevariationen. Zum Abschluss frisches Obst – auf die angebotenen Dolci verzichteten wir auf Grund erschöpfter Kapazität großzügig. Nicht jedoch auf den hervorragenden Espresso, dem der Mirto weder in der Qualität noch in der konsumierten Menge nachstand. Im Gegenteil. Dass wir das Ganze zu einem Preis bekamen der nicht einmal für eine Tankfüllung Diesel gereicht hätte, machte die Angelegenheit nur noch schöner. Wären wir nicht geschworene Wohnmobilisten, wir würden wahrscheinlich nur noch Agritourismo – Urlaub auf Sardinien machen. Alle diese Einrichtungen die wir kennen lernen durften haben uns stets durch Preis, Qualität, Atmosphäre und Freundlichkeit überzeugt.

Und nachdem – nach der von den Besitzern freundlich angebotenen Nutzung eines Waschraumes – wenn man im WoMo keinen Strom hat, hat man auch kein Wasser – der Abend mit einigen eiskalten Flaschen Ichnusa, das Bier der Sarden, welches so manchem hoch gelobten deutschen Gebräu in nichts nachsteht, zusammen mit einem sturzbetrunkenen Sarden seinen würdigen Ausklang gefunden hatte, waren alle Sorgen und Bauchkrämpfe des Tages vergessen.{mospagebreak}

06. 06. 2006 – 10. 06. 2006

So wird Wohnmobilurlaub auch anno domini 2006 zum Abenteuer: ohne Strom und – natürlich – ohne fließend Wasser. Sind wir am Abend zuvor noch mit den verbleibenden Kapazitäten unserer Taschenlampenbatterien – Brigitte, wieder mal auf der Bug-Dinette, hatte ihre „Kurbel-Lampe“ dabei und erzeugte ihren Strom hochstselbst – so wuschen wir uns heute früh „aus der Flasche“. Geht auch. Zum Glück ist die Gasflasche noch gut gefüllt und wir können wenigstens einen Nescaffee aufbrühen. Irgendwie macht das auch Spaß, und wenn man im Nachhinein darüber nachdenkt, sind solche Situationen ja doch das Salz in der Urlaubssuppe. Wollten wir solche Erlebnisse vermeiden, würden wir bei „Meckermann“ pauschal buchen – Gott bewahre!

Der erste Weg führt uns, wer hätte das gedacht, zur nächsten Tanke. So lange stand ich noch nie mit dem Schlauch in der Hand am Tankstutzen, ich bin mir sicher, dass wir keine fünf Kilometer weiter gekommen wären.

Über Guspini kreuzten wir noch mal die Insel um bei Marina di Arbus auf Höhe der Costa Verde wieder das andere Ufer zu erreichen. Leider fanden wir keine Zugangsstraße zu diesem angeblich unvergleichlich schönen Küstenabschnitt, der unserem 7,00 Meter Schiff gerecht geworden wäre. Für uns Grund genug, Sardinien nochmals auf die „Urlaubs – Agenda“ zu setzen und beim nächsten Besuch einige Tage einen Miet – Jeep einzukalkulieren. Nicht nur für „die kleine Sahara“ wie dieser Küstenstrich auch genannt wird, sondern auch um das Landesinnere noch gründlicher zu erkunden, was mit einem etwas größer dimensionierten Camper wie unserem Hobby samt Motorradbühne schon manchmal etwas mühsam und teilweise leider unmöglich ist.

Also geht´s weiter Richtung Oristano, über den Stagno di Mercedi. Und wieder einmal staunen wir über die vielen, immer wieder neuen Gesichter dieser Insel. Haben wir uns die letzten beiden Tage noch auf zum Teil abenteuerlichen Passsträßchen durch alpines Gelände gequält, rollen wir jetzt auf schnurgeraden Pisten durch flaches Lagunengebiet. Auf dem „Mussolini – Schachbrett“, einer konsequent auf dem Reisbrett entstandenen Landschaft, dem Meer abgerungenem Gebiet, trockengelegt um den Malaria - Mücken  die Lebensgrundlage zu entziehen. Na ja, wenigstens etwas hat der „Duce“ zu Stande gebracht, von dem wir heute profitieren können.

eddie_s24.jpg Nach den letzten, etwas „puristischen“ Tagen verlangt es uns nun nach ein klein wenig Luxus – oder wie man neudeutsch sagt Wellness. Also steuern wir den Camping „Spinnacker“ an. Eine ziemlich große, mit allem nur erdenklichen Luxus ausgestattete Anlage direkt am Meer. Nach der Anmeldezeremonie, dem Andocken –mit dem obligaten ersten kalten Bier natürlich – werden zuerst einmal die vorbildlichen Sanitäreinrichtungen inspiziert, soll heißen, wir haben stundenlang geduscht, um uns den „zentralsardischen“ Staub vom Körper zu waschen.

So anregend die etwas abenteuerlichen Tage im Inselinneren auch waren, so sehr genießen wir jetzt den Luxus von geregelter Stromversorgung, funktionierendem fließend Wasser und wirklich kaltem Kühlschrank. Auch das verlockende Meer „vor der Haustüre“ und den gepflegten, sauberen Pool nur wenige Schritte vom WoMo entfernt schätzen wir ebenso, wie die reichlich vorhandenen Waschmaschinen, von denen wir exzessiven Gebrauch machen.     

Unsere Räder kommen endlich auch wieder zum Einsatz. Zuerst einmal um unsere etwas geschrumpften Vorräte aufzufüllen. Also Körbe, Taschen und Tüten mitgenommen und in den nächsten Ort geradelt. Knapp fünf Minuten durch Pinienwälder. Im Dorf angekommen suchen wir verzweifelt einen Laden. Wir hätten jeden Meineid geschworen, dass wir beim ankommen an einem kleinen Supermarkt vorbeigekommen sind. Irgendwie scheint der sich in Luft aufgelöst zu haben. Nicht so schlimm, denken wir uns, zum nächsten Ort ist es ja nicht all zu weit. Rauf auf den Drahtesel und los geht´s. Nach zwanzig Minuten erreichen wir Capras, bekannt für die beste Botagra – gepressten und teils geräucherten Rogen der Meeräsche, den „sardischen Kaviar“. Den gibt´s auch an jeder zweiten Hausecke direkt ab Fabrik zu kaufen. Aber sonst….Wir irren durch das Dorf wie die Bekloppten, kommen mehrmals an derselben Stelle an, jedoch nie an irgendeiner Einkaufsmöglichkeit vorbei. Das „nach dem Weg fragen“ haben wir uns seit unseren Erfahrungen in Arbatax abgewöhnt. Also müssen wir uns eine andere Strategie ausdenken. Mir fällt eine Frau auf, welche zwei „Conad“-Tüten, die italienische Entsprechung der Aldi – Tüte, mit sich herumträgt. Also MUSS es zumindest einen Laden geben. Und nachdem die Tüten voll sind, geht sie nicht zum Einkaufen, sondern sie kommt. Sie zu verfolgen hätte somit wenig Zweck, wir würden wohl nur vor ihrer Haustüre landen. Also in die Richtung aus der sie kam. Aber, wo kam sie her? Bis zur nächsten Kreuzung ist das kein Problem, aber dann..? Um die Sache abzukürzen: Wir fanden schließlich einen Laden. Um – natürlich – beim Rückweg noch an zwei anderen vorbei zu kommen. Und zu unserer großen Überraschung war der Laden in unserem „Heimat“-Dörfchen“ auch wieder da. Des Rätsels Lösung: Wie in südlichen Gefilden oftmals üblich, gönnte sich der Krämer hier eine ausgedehnte Siesta, während der er die stabilen, grauen Metalljalousien vor seinen Schaufenstern herabließ und so die Identifikation der Lokalität für Ortsfremde unmöglich machte. Zum Abendessen spielen wir mal wieder Restaurantkritiker testen die Verpflegung auf dem Campingplatz. Wie so oft in Italien und auch auf dieser schönen Insel sind wir – sowohl von der Atmosphäre als auch vom Angebot und der Qualität der angebotenen Speisen - auf´s erfreulichste überrascht.

Wenn doch unsere deutschen Platzbetreiber, es mag ja Ausnahmen geben, aber die Regel ist es nicht, sich nur ein kleines Beispiel an ihren mediterranen Kollegen nehmen würden. Wir würden sicher öfter bei ihnen essen, wenn es nicht nur Formfleischschnitzel und Erasco-Menues gäbe. So allerdings bevorzugen wir in der Regel auf deutschen Campingplätzen nach wie vor die Hausmannskost, die wir uns selber zubereiten. Da weiß man, was man hat. Nicht so jedoch im Restaurant – es trägt den Titel zu Recht – auf dem „Spinnacker“: frischeste Antipasti, feine Nudelgerichte, vorzüglicher Fisch und ausgezeichnete Fleischgerichte. Leckere Desserts und eine große Weinauswahl. Da kann sogar der Italiener „um die Ecke“ noch was lernen. Und ein interessantes Publikum gab´s als Zugabe gratis dazu. Am Nebentisch eine ziemlich „bunte“ Dame mit einem goldverzierten Herrn, die sich lautstark, ausdauernd und sehr engagiert in irgend einer slawischen Sprache unterhielten, wechselseitig kurz das Lokal verließen um , nicht minder engagiert und ebenso slawisch, in ihre respektiven Handy´s zu brüllen. Obwohl wir kein Wort verstanden, war uns auf Grund der relativ eindeutigen Szene sehr bald klar, dass es sich hier wohl um eine geschäftliche Transaktion in einem der ältesten Gewerbezweige der Welt handelte.

Mit gut gefüllten Mägen schleppten wir uns die wenigen Meter zu unserem Camper, um den obligaten Abendcaffee nebst dem ebenso obligaten Averna zu uns zu nehmen. Bei dieser Gelegenheit sei noch eine weitere sardische „Spezialität“ erwähnt, über die man schon Bescheid wissen sollte. Sitzt man des Abends gemütlich unter freiem Himmel, so sollte man tunlichst einige Vorsichtsmaßnahmen ergreifen, um nicht von einem Teil der sardischen „Ureinwohner“ gepeinigt zu werden: Den Zanzare oder Stechmücken, in anderen Teilen der Welt auch „sandflies“ genannt. Das Einzige, was gegen diese Biester wirklich hilft – außer dass man sich die Hosen in die Socken stopft, was etwas merkwürdig aussieht – ist eine ziemlich fragwürdige aber effektive „chemische Keule“. Eine rosarote Spirale, welche auf ein Ständerchen gestellt und angezündet wird. Dadurch entsteht eine kleine Rauchwolke, welche die Plagegeister bei Kontakt schlagartig in den Mückenhimmel befördert. Und das scheint sich bei den Blutsaugern herumzusprechen: Alle Überlebenden halten respektvoll Abstand. Bemerken sollte man allerdings noch, dass dieses Produkt aus dunklen, thailändischen Quellen stammt und meines Wissens im Rest Europas nirgends angeboten wird. Das wird wohl auch seine Gründe haben….

Nach tiefer Nachtruhe und einem ausgiebigen Frühstück satteln wir wieder unsere Metallmustangs und reiten gen Westen. Ob es genau Westen war, kann ich jetzt nicht mehr so genau sagen, jedenfalls kamen wir im „Wilden Westen“ an. San Salvatore. Dieses Städtchen hat garantiert jeder schon mal gesehen, der sich einen Italo – Western angetan hat. Alle wurden sie dort gedreht. Bud Spencer und Terence Hill scheinen minütlich um die Ecke zu biegen. Surreal, aber lohnend.

11. 06. 2006 

Tja, alles hat ein Ende. Auch dieser Sardinienbesuch und – natürlich ebenso – der zugehörige Reisebericht. Es geht, diesmal ohne ADAC – Hilfe, zurück auf die Fähre und von Livorno aus direttamente nach Hause. Wird Zeit, mal wieder ein paar Kröten zu verdienen, ausgegeben haben wir jetzt genug….

Kommentare  

#1 SardinienManfred D. 2009-06-06 02:17
Hallo Eddie,

ein sehr schöner und ausführlicher Bericht, der wie aus Erfahrung weiß, sehr viel Arbeit macht! Alle Achtung!!

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